Wie erleben Sie die politischen Debatten zur Migration, zum Beispiel zur Frage, wie ein „Stadtbild“ in Deutschland aussehen soll?
Viele 70jährige sind noch so aufgewachsen, dass sie meinen, die Alteingesessenen seien die „Normalen“. Aber die heute 20- oder 30jährigen sind bereits globalisiert aufgewachsen und halten ein globalisiertes Stadtbild für normal. Und so ist es ja auch. Städte wie München haben heute einen 50prozentigen Migrationsanteil. Vorstellungen aus alten Zeiten blockieren uns da eher. Genau zu diesem Thema machen wir ein Kunstprojekt mit dem Namen „Leonardo auf der Straße“. Da stellen wir am Gründonnerstag an mehreren Orten in der Münchner Innenstadt „Das Abendmahl“ von Leonardo als lebendes Bild mit Männern und Frauen aus aller Welt nach. Das zeigt: Es ist gut, wenn Menschen aus aller Welt in Frieden zusammen essen.
Machen sich manche ein falsches Bild, wenn sie nach Deutschland kommen? Werden sie hier enttäuscht oder überrascht?
Ich denke, das Leben in Großstädten nähert sich auf unserem Planeten immer mehr an. Wenn jemand aus Kinshasa oder Kairo nach München kommt, fühlt er sich hier in mancher Hinsicht vielleicht sogar schneller zuhause als jemand, der aus einem kleinen oberpfälzischen Dorf kommt. Viele kommen in der Erwartung nach Europa, dass es hier Rechtssicherheit gibt und werden nicht enttäuscht, sondern fühlen sich angenehm bestätigt. Die bürgerlichen Freiheiten, die wir in Europa und gerade auch in Deutschland haben, die übersehen wir manchmal, wenn wir hier aufgewachsen sind. Die sind aber wahnsinnig viel wert und werden von vielen, die hierherkommen, sehr geschätzt. Auch eine funktionierende Demokratie wird von Migrantinnen und Migranten wertgeschätzt. Die merken: Ich kann mich hier an Politiker im Bezirksausschuss wenden und die hören mir auch tatsächlich zu.
Nehmen Migrantinnen und Migranten eine feindliche Stimmung in unserer Gesellschaft wahr?
Das gibt es. Es gibt auch Berichte von Menschen, die auf gepackten Koffern sitzen, weil sie sich bei uns nicht sicher fühlen. Andererseits höre ich zum Beispiel von Afrodeutschen, dass sie sich in München heute sicherer fühlen als vor zwanzig Jahren. Die Stadt hat einen guten Ruf, auch was das Verhalten der Polizei angeht. Aus anderen bayerischen Städten höre ich, dass Menschen mit dunkler Hautfarbe sich teilweise gar nicht an die Polizei wenden, wenn sie angegriffen werden, weil sie nicht damit rechnen, Unterstützung zu bekommen.
Inwieweit prägen die Themen Migration und Interkulturalität Ihre eigene Biografie?
Die Beschäftigung mit dem Thema wurde mir vielleicht schon in die Wiege gelegt. Mein Vater war als bayerischer Pfarrer in Tansania tätig. Dort habe ich als Kind gelebt und auch Kisuaheli gelernt. Später bin ich ganz bieder hier in Deutschland aufgewachsen. Aber was in Deutschland „normal“ ist, etwa asphaltierte Straßen, hatte ich davor schon anders kennen gelernt. Dadurch habe ich mich manchmal unter deutschen Freunden fremd gefühlt, weil ich ja auch eine andere Welt kannte. Das ist ein Empfinden, das Migrantinnen und Migranten teilen.
Welche Rolle spielt Interkulturalität in der Kirchengemeinde?
Ein Augenöffner war für mich, als ich später selbst Pfarrer war und in eine niederbayerische Kirchengemeinde kam. Dort war die Familiensprache der meisten Evangelischen nicht Deutsch, sondern Russisch. Da habe ich gedacht: Was für ein Potenzial! Daraus ist auch eine Doktorarbeit entstanden (Anm.: Gottfried Rösch, „Deutsche aus Russland und die Kirche“, Lit-Verlag, 2021). Wenn wir Kirchengemeinden haben, in denen 70 Prozent der Menschen aus Kasachstan kommen, dann wundert es mich, dass wir diesem Umstand als Kirche so wenig Raum geben. Das finde ich sehr träge. Unsere Kirche sollte nicht nur internationale Partnerschaften pflegen, sondern auch die interkulturelle Offenheit haben, im eigenen Stadtteil Menschen zusammenzubringen. Ich muss mich zum Beispiel nicht in einem Tansania-Arbeitskreis engagieren, ich kann auch in der Nachbarschaft darauf achten, wer dort vielleicht Kisuaheli spricht.
