„Ob das Leitbild Diversität im Kreis von Kolleginnen und Kollegen umgesetzt wird, kann die Firmenleitung nicht so einfach steuern.“

22. Mai 2026

Bei aller Weltoffenheit deutscher Firmen kommt es in der betrieblichen Praxis auch zu Ausgrenzung und Benachteiligung migrantischer Beschäftigter, kritisiert der evangelische Pfarrer Gottfried Rösch aus München.

Wie wird nach Ihrem Eindruck Diversität in unserer Arbeitswelt gelebt?

Ich höre Berichte, dass es manchmal schwierig ist, wie Menschen behandelt werden. Da sagt eine Firma: Wir wollen Diversität und die besten Kräfte aus aller Welt. Aber ob dieses Leitbild im Kreis von Kolleginnen und Kollegen und in der Kantine dann auch umgesetzt wird, das kann die Firmenleitung nicht so einfach steuern. Vielleicht sollten Firmen mehr dafür tun, dass zum Beispiel ein Ingenieur aus einem anderen Kulturkreis in seinem Team auch wirklich ernst genommen wird und seine Potenziale einbringen kann. Da gibt es bestimmt an vielen Stellen noch Verbesserungsmöglichkeiten in der Wirtschaft. Auch die Kirche als Arbeitgeberin ist da noch stärker gefordert.

Berichten Ihnen Menschen auch von Diskriminierungen in Firmen?

Ja. Ein Ingenieur hat mir gesagt, dass er rassistische Andeutungen in seinem beruflichen Umfeld erlebt. Er wehrt sich im Betrieb dagegen und unterbindet das. Ein indischer Ingenieur hat dagegen erzählt, dass er solche Bemerkungen erst einmal stehen lässt, weil er höflich sein will und nicht sicher ist, ob das hier die normalen Umgangsformen sind. Manche Migrantinnen und Migranten sind sehr zurückhaltend, auch weil sie Angst haben, ihren Job und damit auch ihre Arbeitserlaubnis zu riskieren. Da hängen ja auch die nachgezogenen Familien dran. Das nutzen Betriebe leider manchmal aus.

Sehen Sie eine konkrete Schlechterstellung von Beschäftigten mit Migrationshintergrund?

Ja, es gibt in meinen Augen Benachteiligungen. Da gehen deutsche Mitarbeitende in den Feierabend, während von einem koreanischen Kollegen erwartet wird, dass für ihn die eigentliche Arbeit erst beginnt. In der Pflege frage ich mich auch manchmal, ob die Arbeitsbedingungen unter denen rumänische oder polnische Arbeitskräfte tätig sind, mit dem deutschen Arbeitsrecht eigentlich konform sind. Es gibt in Deutschland eine ungute Tradition, migrantische Arbeitswelten zu benachteiligen.

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