Herr Dr. Rösch, Sie leiten seit vier Jahren das Evangelische Migrationszentrum. Welche Menschen kommen zu Ihnen?
Wir sind hier im Münchner Westend ein Stadtteiltreff und machen viele Angebote für Familien. Zum Beispiel Kurse für Kinder, um sie in ihrer Mehrsprachigkeit zu unterstützen. Oder Workshops für Eltern, in denen sie lernen, wie sie ihre Kinder noch besser vor Diskriminierung schützen. Wir haben immer nachmittags auch ein offenes Familiencafé. Stadtteiltreff heißt zugleich, dass sich Menschen hier selbstorganisiert treffen und günstige Räume finden für ihre Chöre, Tanzkurse, Vereine und vielfältige Initiativen. Es gibt natürlich viele Gruppen, die sich über ihre jeweiligen Sprachen organisieren. Der bulgarische Chor trifft sich hier, um bulgarische Traditionen zu pflegen und um gemeinsam zu singen. Die Mitglieder bringen sich dann aber auch beim Fest der Weltoffenheit ein, bei dem dann auch kurdisch oder griechisch getanzt wird. Andere treffen sich über Sprachgrenzen hinweg zu bestimmten Themen oder Anliegen.
Kommen auch Menschen ins Zentrum, die gerade erst in Deutschland eingetroffen sind?
Zum Teil schon. Zu uns kommen zum Beispiel ukrainische Familien, deren Kinder hier Sprachkurse machen, oder Ingenieursfamilien aus Indien, die neu in Deutschland ankommen und sich orientieren wollen. Es gibt in München einen sehr starken indischen Zuzug, da müsste eigentlich viel mehr angeboten werden. Die Grenze zwischen den Gruppen, die länger da sind, und denen, die gerade erst angekommen sind, ist nicht immer so klar. Auch im griechischen Milieu, das hier seit Generationen gut etabliert ist, gibt es ja Familiennachzüge oder Neuankömmlinge.
Waren die großen Fluchtbewegungen ab 2015 spürbar im Migrationszentrum?
Ja, damals hat unsere Landeskirche für einige Jahre eine halbe Stelle bei uns eingerichtet, die die Hilfen für geflüchtete Menschen koordiniert hat. Auf das Engagement der Münchnerinnen und Münchner in dieser Zeit können wir heute noch stolz sein. Jetzt aber wäre es in meinen Augen eine gewisse Gefahr, wenn wir uns nur auf die schlimmen, prekären Situationen der Fluchtmigration fokussieren, und die vielen anderen wichtigen Migrationsthemen, gerade auch die positiven Potenziale der Migration, außer Acht lassen.
Was sind die größten praktischen Hürden für Menschen, die neu in München sind?
Die Wohnungsnot ist eine echte Hürde. Wir haben in München zum Beispiel 40.000 Studierende aus anderen Ländern. Die müssen alle ein Zimmer finden, ohne dass sie das hiesige System kennen. Die werden oft auch ausgenutzt von Vermietern. Die Wohnungsnot kann niemand so einfach lösen, aber es wäre eine wichtige politische Aufgabe.
