Welchen Unterschied macht es für die Integration in Deutschland, aus welchem Herkunftsland man kommt?
Ich denke, einen sehr großen, aber wahrscheinlich etwas anders, als die meisten vermuten. Woher man nach Deutschland kommt und wie man nach Deutschland kommt, entscheidet viel. Wir haben in der Migrationsdebatte wieder verstärkt die Unterscheidung in gute und schlechte Migration. Stereotypen werden der Realität nicht gerecht, aber sie prägen oft das Bild von Migration. Schwarze Menschen werden von der deutschen Mehrheitsgesellschaft eher als Problem wahrgenommen, eine weiße Migrantin etwa aus Schweden dagegen nicht. Bei der Schwedin würde wohl niemand von „Remigration“ fabulieren. Es geht vor allem um rassistische Zuschreibungen und darum, welche Rechte mit welchem Aufenthaltstitel verbunden sind.
Oft wird kritisiert, dass der Integrationswillen mancher Migranten zu gering sei. Ist diese Kritik berechtigt?
In Deutschland wird Integration oft einseitig als Bringschuld der Migrantinnen und Migranten gesehen, dabei ist sie sehr komplex und wissenschaftlich kaum messbar. Schon bei der Frage, was Integration bedeutet, wird es keine eindeutige Antwort geben. Integration ist ein gesellschaftlicher Prozess, an dem sich alle Seiten beteiligen müssen, die hier geborene Bevölkerung ebenso wie die Migrantinnen und Migranten. Die immer restriktivere Migrationspolitik, die Migrationskritiker fordern, dient der Integration jedenfalls nicht, sondern erschwert sie. Man sollte Migration als Chance begreifen, ohne die Probleme auszuklammern. Diese Probleme sind aber meist gesamtgesellschaftlich und nicht allein auf Migration zurückzuführen. Migration ist der Normalfall in der Menschheitsgeschichte, das haben wir verlernt anzuerkennen.
Machen Migrantinnen und Migranten auch positive Erfahrungen mit der deutschen Willkommenskultur?
Ich habe viele geflüchtete Familien kennen gelernt, die hier in Hannover angekommen sind, und ganz oft von ihnen gehört, dass sie diese Stadt besonders toll finden. Bei Geflüchteten ist Hannover, das innerhalb Deutschlands ja eher für seine Mittelmäßigkeit bekannt ist, offenbar besonders beliebt. Vielleicht liegt es daran, dass sie hier in den Behörden freundlicher behandelt werden als eventuell in anderen EU-Ländern.
Wie sind Sie persönlich zum Thema Migration gekommen?
Schon als Schülerin habe ich angefangen, geflüchteten Kindern Nachhilfe zu geben. Als ich dann mit den Kindern – neben Deutsch und Mathe – näher ins Gespräch kam, habe ich viele persönliche Geschichten erfahren, wie sie etwa mitansehen mussten, wie der eigene Vater erschossen wurde. Ich habe Freundschaften zu Familien aufgebaut und das Thema immer stärker politisch verfolgt. Als Praktikantin war ich im Auswärtigen Amt. Meinen Master habe ich im Fach Internationale Migration und Interkulturelle Beziehungen gemacht. Migration, Außenpolitik und die Gerechtigkeitsfragen, die damit zusammenhängen, beschäftigen mich seit langer Zeit. Ich habe mich dann bei der Kirche beworben, weil ich denke, dass sie zu den gesellschaftlichen Kräften gehört, die in der Migrationsdebatte etwas bewirken können.
Trifft das Engagement der Kirche in der aufgeladenen Migrationsdebatte denn auf Akzeptanz?
Soweit es um humanitäre Hilfe geht, schon. Die wird weitestgehend als kirchliche Aufgabe verstanden. Wenn es um politische Äußerungen geht, wird es schwieriger. Die Kommunikation mit den politischen Parteien wird komplizierter. Manche Politikerinnen und Politiker meinen, die Kirchen sollten sich hier lieber nicht an der Debatte beteiligen. Die christliche Ethik verbietet es aber, sich da heraushalten. Migration ist ein Brennglas für die Demokratie. Demokratie muss sich daran messen, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Als Kirche haben wir einen Auftrag, für die Demokratie einzutreten, Spaltungen entgegenzuwirken und uns für die Schwachen einzusetzen. Leider erleben heute manche Kirchengemeinden, die Kirchenasyl anbieten, Anfeindungen durch rechtsextreme Gruppen bis hin zu Bedrohungen und Sachbeschädigungen.
Foto: KWA.
