Kommen wir zum Thema Arbeiten. Wenn Menschen einen Asylantrag gestellt haben, gibt es zunächst rechtliche Hürden. Können Sie das erläutern? Und wie sieht es im Vergleich dazu beim Fachkräfteeinwanderungsgesetz aus?
Geflüchtete dürfen in den ersten sechs Monaten des Asylverfahrens nicht arbeiten. Danach brauchen sie eine konkrete Jobzusage, um eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Viele landen trotz Qualifikationen in Helfertätigkeiten, da Abschlüsse schwer anerkannt werden. Deutschland hat ein sehr formales Verständnis von Qualifikation: Nur ein Abschluss zählt, egal ob jemand jahrelang selbstständig gearbeitet hat. Anerkennungsverfahren sind kompliziert und Arbeitgeber können Fähigkeiten schwer einschätzen.
Im Fachkräfteeinwanderungsgesetz gibt es inzwischen doch Möglichkeiten für einen einfacheren Einstieg?
Teilweise. Aber auch hier braucht es formale Nachweise. Wer keine Ausbildung nach deutschem System vorweisen kann, hat es schwer. Es gibt inzwischen verschiedene Aufenthaltstitel für Qualifizierung, aber die Regelungen sind komplex. In manchen Berufen müssen zusätzlich Approbationen erworben werden. Insgesamt bleibt das System schwer durchschaubar, gerade für kleine Betriebe ohne eigene Rechtsabteilung.
Wenn Sie in der Gesetzgebung säßen – was müsste sich ändern?
Wir brauchen einen grundsätzlichen Perspektivwechsel. Migration wird zu oft in „gute“ (Fachkräfte) und „schlechte“ (Geflüchtete) unterschieden. Solange wir Migration als Gefahr sehen, bleiben die Gesetze restriktiv und kompliziert. Stattdessen sollten wir jeden Menschen als Ressource und Träger von Potenzialen begreifen. Kurzfristig wären mehr Ressourcen in Behörden und Beratungsstellen wichtig. Verfahren müssen kürzer, klarer und verlässlicher werden. Auch eine bessere Zusammenarbeit von Behörden und Beratungsstellen wäre hilfreich. Langfristig bräuchte es eine grundlegende Reform mit weniger Komplexität und mehr pragmatischen Lösungen.
Ein Minimalziel wäre also mehr Ruhe und Verlässlichkeit, ein Maximalziel eine grundlegende Reform?
Genau. Wir brauchen einerseits klare Strukturen und verlässliche Verfahren, andererseits die Bereitschaft, Migration nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu sehen. Nur so können wir den Bedarf an Arbeits- und Fachkräften wirklich decken – und den Menschen, die hierherkommen, ein gerechtes Ankommen ermöglichen.
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